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Warum die Familienlandsitz-Bewegung in Tschechien so erfolgreich ist

Foto von Jaroslav Svoboda, ekozahrady.com
Foto von Jaroslav Svoboda, ekozahrady.com

Vor einigen Wochen erfuhr ich, dass in Tschechien die Familienlandsitz-Bewegung* viel größer und erfolgreicher ist, als die gesamte Transition Town, Permakultur und Ökogemeinschafts-Bewegung zusammen! Diese Tatsache hat mich ziemlich überrascht und so bin ich der Frage nachgegangen, wer oder was denn dafür verantwortlich sein kann, dass die Idee der Familienlandsitze in Tschechien auf so große Resonanz stößt, wohingegen im deutschen Sprachraum versucht wurde, sie im großen Stil zu diffamieren.

 

Schon seit einigen Jahren gibt es alle 10 Bände der Anastasia-Bücher in tschechischer Sprache, wo diese mitunter zahlreiche Menschen, auch innerhalb und außerhalb der Permakulturbewegung, zu tatkräftigem Handeln inspirierten. Der wohl einflussreichste Leser der Buchreihe, ist der tschechische Permakulturpraktiker Jaroslav Svoboda.

 

Das beliebte Buch "Ökogärten"
Das beliebte Buch "Ökogärten"

Laut der Soziologin MARTA KOLÁŘOVÁ hat Svoboda eine charismatische Persönlichkeit, mit der er es geschafft hat, viele Menschen für Permakultur und Familienlandsitze zu begeistern.

 

Er organisiert seit 2005 eigene Kurse und hat ungefähr dreitausend Anhänger bzw. StudentInnen. Er ist für sein Buch "Ökogärten" sehr bekannt geworden, welches von vielen Lesern und Praktizierenden in Tschechien sogar als deren "Bibel" bezeichnet wurde. (1)

 

Außerdem ist Jaroslav Svoboda ein Mensch, der sich für friedfertige vegetarisch und vegane Lebensweisen ausspricht bzw. für diese wirbt. (2)

Jaroslav Svoboda besitzt etwa neunzehn Hektar ebene Felder im Norden der Tschechischen Republik, auf denen er Tausende von Bäumen gepflanzt hat, einen Gemüsegarten pflegt und mit seiner Partnerin in einem aus natürlichen Materialien gebauten Zuhause lebt. Zusammen arbeiten sie an der Vision, ein Paradies auf Erden zu schaffen. In seinen Lehren und Schriften hat er die Permakultur mit Spiritualität verbunden, insbesondere inspiriert durch die Ideen Anastasias und der damit assoziierten Familienlandsitz-Bewegung.

 

* Die Familienlandsitz-Bewegung ist eine sich zunehmend global ausdehnende Graswurzel-Bewegung, die eine neue alternative Gesellschaft errichtet, durch das Schaffen von "Familienlandsitzen" — die angestrebte Lösung für die Probleme in der Welt sind lokale, stark autarke, ein Hektar große Grundstücke auf denen die Menschen ihre nachhaltigen Heimatoasen erschaffen können.

 

Die wahrscheinlich größte Ökodorf-Bewegung der Welt

 

Die Familienlandsitzbewegung ist eine der schnellst wachsenden "Zurück-zur-Natur-Bewegungen" der Welt. Die Bewegung wurde von der Buchreihe "Die klingenden Zedern Russlands" ausgelöst, welche sich bereits über 20 Millionen mal verkaufte und in über 20 Sprachen übersetzt wurde. Jaroslav Svoboda, der die Idee der Familienlandsitze aufgriff und seine eigene "tschechische Version" der Idee schuf, ist es gelungen, viele Menschen für seine Kurse zu gewinnen, in denen er vermittelt, wie man solche Landsitze von Grund auf, z.B. auf einem einfachen Feld, erbaut.

  

Laut Marta Kolarova gibt es in der tschechischen Permakulturbewegung verschiedene Formen der Spiritualität (von Atheisten bis bis hin zu Katholiken oder Buddhisten), aber die naturverbundene Spiritualität inspiriert durch Anastasia, bildet in Tschechien die Mehrheit. Auch bei Jaroslav Svoboda finden sich Texte mit Worten der Spiritualität und Transzendenz durchdrungen: 

 

"Die Arbeit mit den Samen verwandelt sich in eine heilige Zeremonie und die Aussaat des Samens in eine Initiation

der neuen Schöpfung. Die Befruchtung des Bodens drückt ein elementares Lebensbedürfnis aus. Die Ernte

ist ein freudiges Fest der Fülle, die Kompostierung von Abfall ist eine Umwandlung des Todes in ein neues

und stärkeres Leben. Der Gärtner, der seine göttliche Stellung inmitten des rotierenden Universums spürt weiß, dass jede Substanz nur eine Energie ist, die er mit seinem eigenen Geist erzeugt. (3)

 

Zu den Nachhaltigkeits-Konzepten, die sich nach 1989 aus dem Ausland nach Tschechien ausbreiteten gehören u.a.: das Konzept der Permakultur aus Australien; das Konzept der Familienlandsitze aus Russland; sowie das Konzept der Ökogemeinschaften aus Deutschland (Sieben Linden) und Schottland (Findhorn). 

  

Laut Marta Kolarova hängt der Bekanntheitsgrad der jeweiligen Ansätze, neben dem erzählerischen Geschick der Pioniere, auch davon ab, wie sehr die neuen Konzepte mit den existierenden großen kulturellen Erzählungen und Ideologien Resonanz finden.

 

In Tschechien fand die Idee der Freiheit und des Individualismus, welche von Jaroslav Svoboda über sein Konzept der Familienlandsitze vermittelt wurde, die stärkste Resonanz. Seine Definition eines Familienlandsitzes regt auch eine Transformation der regionalen, bereits existierenden Ansätze an. Svoboda definiert den Landsitz nicht als traditionelles Landhaus oder als Bauernhof für die Tierzucht.

 

Seiner Ansicht nach sollte es sich vielmehr um eine „große paradiesische Naturoase“ handeln, um einen 1 Hektar großen Lebensraum, der beispielsweise auf einem ehemaligen Ackerland erschaffen wird, von einer biodiversen Hecke umzäunt ist und auf dem Bäume gepflanzt werden, sowie später vielleicht ein Naturhaus oder ein Wohnwagen einen Platz findet.

Ein Hektar Land "für alle Menschen" (die das möchten)

Jaroslav Svoboda
Jaroslav Svoboda

In einer Radiosendung erklärte Svoboda: „Ich persönlich betrachte das Gehöft der vergangenen Jahrhunderte nicht als Modell, weil es zu viel Arbeit erforderte. Das erscheint mir sinnlos. Die harte Arbeit konzentrierte sich auf den Anbau von Futtermitteln für die Fütterung der Tiere und die Übergabe des größten Teils der Ernte an den Adel."

 

(Interview mit dem Permakulturlehrer J. Svoboda im Tschechischen Rundfunk 2. 17.05.2016.)

Svoboda glaubt, dass es gut wäre wenn "jeder" ein mindestens ein Hektar großes Grundstück erwerben würde und er meint sogar, dass es das Recht eines jeden tschechischen Bürgers sein sollte, einen Hektar Land zu besitzen. Die Idee ist, dass der ökologische Fußabdruck durch eine entsprechende Lebensweise auf ein verträgliches und faires Niveau gesenkt wird.

 

Der heutige ökologische Fußabdruck der Tschechen beträgt, bedingt durch flächenintensive Ernährung (Fleisch- und Milchprodukte), viele Importgüter, sowie großen Bedarf an Industriegütern satte 5,36 Hektar, während die verfügbare Biokapazität nur 2,47 Hektar beträgt. [Vačkář 2019]

  

Wobei man erwähnen sollte, dass die Minimierung des ökologischen Fußabdrucks bei Jaroslav Svoboda sicher nicht an erster Stelle steht, denn er hat auch das dort existierende Konzept der "freiwilligen Einfachheit" (voluntary simplicity) herausgefordert, indem er sich für Individualismus und Eigeninteressen aussprach. In seinem Buch schreibt er beispielsweise:

 

"Ein Hauptziel ist die Sicherung des Wohlstands der Menschen, so dass sie sich selbst keine falsche Bescheidenheit aufzwingen und ihre eigenen Bedürfnisse leugnen müssen... Das Beste am Permakultur-Design ist, dass es die Menschen nicht zwingt etwas zu tun, nur weil etwas gut für die Natur oder Umwelt ist. Das würde nicht wirklich funktionieren. Wenn du dich umsiehst, verstehst du, dass das Streben nach Eigennutz in erster Linie in der Natur des Menschen liegt. Der Schutz und die Verbesserung der Umwelt ist im Permakultur-Design lediglich ein Bonus, ein erfreulicher und damit einhergehender Nebeneffekt." (4)

Sepp Holzer bei einer Führung
Sepp Holzer bei einer Führung

Vielleicht wurde Jaroslav auch ein bisschen von der Permakulturlegende Sepp Holzer in seinen Ansichten inspiriert, als er diesen auf seinem Hof besuchte. Herr Holzer spricht sich seit ich ihn kenne für materielle und geistige Fülle aus und ich schätze ihn als tatkräftigen Unterstützer der Familienlandsitz-Bewegung.

 

Alleine in Russland hat Sepp Holzer über 40 Projekte, überwiegend handelt es sich dabei um Familienlandsitz-Siedlungen. Praktisch jeder in Russland kennt Sepp Holzer — Universitäten reißen sich um seine Vorträge und seine Renaturierungsprojekte sind außergewöhnlich erfolgreich.

Der Erfolg von Jaroslav Svoboda

 

Svoboda war laut Marta Kolarova in zwei Entwicklungsprozessen sehr erfolgreich:

 

1.) Er verband das Konzept der Permakultur mit der russischen Idee des Familienlandsitzes.

 

2.) Er stärkte die Attraktivität der Permakultur durch die Verwendung positiver Ausdrücke wie Freude, natürlicher Überfluss, Wohlstand, Liebe, Kreativität und Harmonie. Für ihn ist auch der Familienlandsitz in erster Linie ein „Raum der Liebe“. Jaroslav wirbt für die Ansicht, dass wir alle Schöpfer unseres eigenen Paradieses auf Erden sind, und er denkt wir Menschen sollten unserer Vision eines Lebens im Einklang mit der Natur folgen. 

 

Dank Jaroslav Svoboda hat die tschechische Familienlandsitz-Bewegung einen großen Mobilisierungseffekt und eine große Anhängerschaft vorzuweisen. Eine seiner Grundbotschaften war, dass der Familienlandsitz als Ausdruck der Individualität, Freiheit und natürlichen Spiritualität dienen sollte. Durch seine positiven und vereinenden Botschaften wurden Menschen angezogen, welche mit der Idee der Freiheit, Fülle, Freude und Liebe in Resonanz gingen.

 

Auch wenn dies eher das Streben nach Eigeninteressen und einzelnen Familienlandsitzen förderte und nicht in kollektiven Anstrengungen wie den Aufbau von Landsitz-Siedlungen mündete (was in Anbetracht der vorherrschenden starren Bürokratie in Tschechien verständlich ist), so kann man insgesamt von einem großen Erfolg der Landsitzbewegung sprechen.

 

Wir wissen also nun, dass in Tschechien die Idee der Familienlandsitze auf große Resonanz stößt. Dort hat Wladimir Megre auch kein Problem einen Raum mit über 600 Menschen zu füllen, wo die Tickets schon im Vorhinein gänzlich ausverkauft sind und etliche Leute trotz Ausverkauf, dennoch bemüht sind, vielleicht doch einen Platz zu bekommen. (5) 

Wladimir Megre bei einer Leserkonferenz in Tschechien, wo es eine quasi 100-prozentige Zustimmung für die Erschaffung von Familienlandsitzen gab
Wladimir Megre bei einer Leserkonferenz in Tschechien, wo es eine quasi 100-prozentige Zustimmung für die Erschaffung von Familienlandsitzen gab

 

Wird die (Familien)Landsitz-Bewegung auch im deutschen Sprachraum künftig derartig aufblühen können? Die Antwort steht wohl noch aus und wird von all jenen gegeben werden, die sich aktiv für diese wunderschöne Zukunft einsetzen, aber auch von jenen, die diese Zukunft bisher bekämpft hatten.

 

Geschrieben von Stefan Wolf

 

(1) Climate Change and the Transition Movement in Eastern Europe: The Case of Czech Permaculture MARTA KOLÁŘOVÁ

 

(2) Auf Facebook zu finden unter "Jaroslav Svoboda"

  

(3) http://ekozahrady.com/zelenina_uvod.htm 

 

(4) Svoboda, J. 2009. Kompletní návod k vytvoření ekozahrady a rodového statku. P: 10-11.

 

(5) https://vmegre.com/en/events/38445/

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Kommentare: 5
  • #1

    Dietmar Koschier (Montag, 16 Dezember 2019 04:48)

    "Paradiesische Naturoasen" sind sicher für viele Menschen, auch solche, die sich nicht mit den Anastasia-Büchern beschäftigen möchten, interessant.

  • #2

    Eckart Pollmann (Dienstag, 17 Dezember 2019 14:11)

    das ist endlich mal eine Nachricht die Mut macht !

  • #3

    Hans Sondermeier (Mittwoch, 18 Dezember 2019 09:46)

    Jaroslav Svoboda ist der Sepp Holzer in Tschechien. Vom Sepp Holzer ausgebildet zeigt er in seiner Heimat wie das Leben möglich sein kann - ohne Macht - ohne Gier und ab vom Kapitalismus. Schönen Dank für seinen Mut die Familienlandsitz-Bewegung in Tschechien einzuführen und zu zeigen wie es geht und möglich ist immer alles - wenn man es tut.

  • #4

    Sven Kasten (Sonntag, 29 Dezember 2019 04:13)

    Das "Ein Hektar Haus",also Haus oder Hof,mit einem Hektar Land,habe ich dem Hr.Hofreiter (Grünen) vor einem halben Jahr als eine Möglichkeit genannt.
    Hier im Osten,gibt es oft nur die LPG mit großen Feldern.
    Keine Bäume. Es dürfte kein Land mehr verkauft werden in den Größenordnungen,von 1000 bis 20000 Hektar, wie es hier passiert.

  • #5

    Werner Eugen Lardy (Donnerstag, 02 Januar 2020 08:32)

    Liebe Freundinnen und Freunde des Familienlandsitzes nach Anastasia Megre! Möchte hiermit meine Begeisterung für Anastasia und Wladimir Megre + Familienlandsitz zum Ausdruck bringen.
    Da ich selbst schon zu alt bin und alleine lebe, kann ich Anastasia´s Ideen nicht persönlich realisieren, aber was ich kann: Es anderen empfänglichen Seelen mit Herz und gesundem Verstand vermitteln! Möge die IDEE des FAMILIENLANDSITZES sich global verbreiten, um den Planeten von der technischen und naturzerstörenden Maßnahmen weltweit befreien! Mit freundlichen Grüßen, Werner Eugen Lardy (Wien, Austria)